Schon bevor du die ersten Bewegungen spürst, ist dein Baby in deinem Bauch von Fruchtwasser umgeben. Es legt sich warm und schützend um dein Baby herum und bildet seinen allerersten Lebensraum. Und das ist noch nicht alles: Während der gesamten Schwangerschaft unterstützt das Fruchtwasser dein Baby beim Wachsen, bei seiner Entwicklung und passt sich immer wieder ganz genau an seine Bedürfnisse an.
Wie Fruchtwasser entsteht, was seine genauen Aufgaben sind und welche Menge an Fruchtwasser in der Schwangerschaft normal ist, erfährst du in diesem Beitrag.
Was ist Fruchtwasser?
Fruchtwasser ist die klare bis leicht gelbliche Flüssigkeit, die dein Baby während der Schwangerschaft in deinem Bauch umgibt. In der Medizin wird es als Amnionfluid bezeichnet. Es befindet sich gemeinsam mit dem Baby in der Fruchtblase, die aus zwei dünnen Häuten besteht: Dem Amnion und dem Chorion. Dadurch entsteht eine geschützte Umgebung, in der sich dein Baby frei bewegen, wachsen und entwickeln kann.
Der Kreislauf
Das Besondere: Fruchtwasser ist keine ‘ruhende’ Flüssigkeit, sondern befindet sich in einem stetigen Kreislauf. Es wird immer wieder neu gebildet, vom Baby verschluckt und dann auch wieder ausgeschieden. Dabei verschluckt das Baby mehrere hundert Milliliter am Tag, was verschiedene positive Auswirkungen für seine Entwicklung hat:
- Der Magen-Darm-Trakt wird trainiert
- Der Saug- und Schluckreflex entwickeln sich
- Die Darmschleimhaut wird zum Wachsen angeregt
Und auch die Mama spielt hier eine sehr entscheidende Rolle: Bestimmte Stoffe aus dem Fruchtwasser werden über die Plazenta wieder in ihren Kreislauf abgegeben und es findet ein ständiger Austausch von Hormonen, Enzymen und Immunstoffen statt.
Das Fruchtwasser steht also niemals still und ist in einer ständigen Wechselwirkung mit dem Baby, der Plazenta und dem Kreislauf der Mama.
Wie entsteht es?
Genau wie das Fruchtwasser selbst verändert sich auch seine Entstehung im Laufe der Schwangerschaft.
In den ersten Wochen kommt es überwiegend aus dem Blutplasma der Mama und gelangt über die Plazenta in die Fruchtblase zum Baby. Zusätzlich gibt das Baby selbst etwas Flüssigkeit über seine Haut an das Fruchtwasser ab. Das ist möglich, weil die Haut zu diesem Zeitpunkt noch sehr durchlässig ist. So kann ein direkter Flüssigkeitsaustausch zwischen Mama und Baby stattfinden.
Ab etwa der 16.-18. Schwangerschaftswoche übernimmt das Baby dann selbst eine aktive Rolle: Es fängt an, das Fruchtwasser zu schlucken. Dieses durchläuft dann seinen Magen- Darm-Trakt, wird von der Plazenta verarbeitet und schließlich über die Nieren als Urin wieder ausgeschieden. Gleichzeitig nimmt es auch über die Lunge Fruchtwasser auf und gibt es wieder ab. Dadurch trainiert es seine Atmung für die Zeit nach der Geburt.
Das Fruchtwasser enthält also sowohl Bestandteile der Mama als auch des Babys. Dabei sind unter anderem folgende Stoffe zu finden:
- Wasser
- Elektrolyten (z.B. Natrium und Kalium)
- Proteine
- Laktat
- Zellen des Babys
Hebammenwissen 💡
Vielleicht hast du schon mal etwas von der Fruchtwasseruntersuchung (Amniozentese) in der Pränataldiagnostik gehört. Bei ihr werden die Zellen des Babys aus dem Fruchtwasser genauer unter die Lupe genommen und zum Beispiel auf Veränderungen der Chromosomen überprüft.
Welche Funktionen hat das Fruchtwasser?
Das Fruchtwasser hat während der Schwangerschaft zahlreiche wichtige Funktionen:
- Polster: Es wirkt als eine Art Stoßdämpfer und schützt das Baby vor Einwirkungen wie Stößen oder starkem Druck von außen.
- Temperatur: Das Fruchtwasser sorgt dafür, dass in der Gebärmutter eine gleichmäßige Temperatur herrscht.
- Bewegung: Es ermöglicht es dem Baby, sich frei zu bewegen. Das ist ein entscheidender Faktor für die Entwicklung seiner Muskeln, Knochen und Gelenke.
- Schutz: Es verhindert, dass die Nabelschnur oder einzelne Körperteile dauerhaft abgedrückt werden.
- Lunge: Indem das Baby Fruchtwasser ein- und ausatmet, wird die Entwicklung seiner Lunge unterstützt.
- Immunsystem: Das Fruchtwasser enthält antimikrobielle Substanzen, Wachstumsfaktoren und Zellen, die das Baby schützen.
- Barriere: Zusammen mit der Fruchtblase bildet es eine natürliche Barriere um das Baby und schützt es dadurch zusätzlich vor Infektionen.
Um diese ganzen Funktionen zu erfüllen, ist es wichtig, dass genug Fruchtwasser in der Fruchtblase vorhanden ist.
Welche Menge an Fruchtwasser ist normal?
Die Menge an Fruchtwasser verändert sich im Laufe der Schwangerschaft stetig:
- Um die 10. SSW: ca. 30 ml
- Um die 20. SSW: ca. 400-500 ml
- Um die 36. SSW: ca. 1000-2000 ml
- Nach der 36. SSW sinkt die Menge wieder auf etwa 800-1000 ml
Bei den Vorsorgeuntersuchungen während der Schwangerschaft wird die Fruchtwassermenge mit einem Ultraschall genau kontrolliert. Dabei geht es nicht um eine exakte Milliliter-Zahl, sondern darum zu sehen, ob genügend Fruchtwasser vorhanden ist.
Das ist wichtig, weil die Fruchtwassermenge ein Hinweis auf die Gesundheit des Babys ist. Die oben genannten Bereiche sprechen dafür, dass die Plazenta und Nieren gut arbeiten und der Stoffwechsel des Babys gut funktioniert.
Verändert sich die Menge oder Beschaffenheit des Fruchtwassers, kann das z.B. ein Hinweis auf eine eingeschränkte Versorgung der Plazenta, Besonderheiten beim Stoffwechsel des Babys oder eine Infektion sein. Aber auch ganz normale Veränderungen gegen Ende der Schwangerschaft können sich im Fruchtwasser widerspiegeln.
Wichtig ist deshalb: Abweichungen bedeuten nicht automatisch, dass etwas nicht stimmt! Sie sollten immer gemeinsam mit allen anderen Untersuchungsergebnissen betrachtet werden, um so ein vollständiges Bild vom Wohlbefinden des Babys zu erhalten. Und wenn tatsächlich etwas festgestellt wird, können frühzeitige Maßnahmen ergriffen und die Entwicklung engmaschig beobachtet werden. So wird das Baby jederzeit sehr sorgfältig unterstützt.
Weitere nützliche Infos rund um euer Baby
Das Fruchtwasser unter der Geburt
Am Ende der Schwangerschaft oder unter der Geburt kann die Fruchtblase reißen und das Fruchtwasser austreten. Das kennst du vielleicht unter dem Begriff ‘Blasensprung’. Wie genau das Fruchtwasser herauskommt ist ganz unterschiedlich: Manchmal ist es ein einzelner großer Schwall, manchmal sind es auch nur wenige Tröpfchen über mehrere Stunden verteilt. Beide Varianten sind völlig normal.
Auch zu diesem Zeitpunkt wird noch neues Fruchtwasser gebildet. Das sorgt dafür, dass die Gebärmutter nicht plötzlich ‘leer’ ist und dein Baby ‘auf dem Trockenen liegt’. Es ist also auch unter der Geburt weiterhin gut geschützt.
Tipp: Wenn du noch mehr über den Blasensprung erfahren möchtest – z.B. wie du ihn erkennst und wann du in die Klinik fahren solltest – schau gerne mal in diesen Beitrag rein.
Farbe und Geruch
Nach einem Blasensprung achten deine Hebamme und der Arzt/die Ärztin genau auf die Farbe und den Geruch des austretenden Fruchtwassers:
Normal
- Klar, durchsichtig und leicht milchig
- Süßlicher, ‘seifenartiger’ Geruch
Auffällig
- Grünlich: Das kann ein Hinweis darauf sein, dass dein Baby ersten Stuhlgang (Mekonium oder Kindspech) in das Fruchtwasser abgegeben hat. Das tritt oft bei einer Terminüberschreitung ein.
- Gelb-bräunlich oder übelriechend: Hinweis auf eine mögliche Infektion
Aber: Auch wenn eine dieser Veränderungen festgestellt wird, besteht in der Regel noch kein direkter Handlungsbedarf. Das Fruchtwasser wird dann weiterhin genau beobachtet, um sicherzustellen, dass es deinem Baby jederzeit gut geht.
Du siehst: Fruchtwasser ist nicht nur eine Flüssigkeit, in der dein Baby in der Fruchtblase schwimmt. Es ist ein aktiver Begleiter, der dein Baby rund um die Uhr beschützt, sich seinen Bedürfnissen anpasst und seine Entwicklung über die gesamte Schwangerschaft hinweg unterstützt. Außerdem steht es in engem Austausch mit der Plazenta und dem mütterlichen Kreislauf und ist dadurch eine ganz besondere Verbindung zwischen der Mama und dem Baby in ihrem Bauch.
ABOUT

Wir sind Anja & Marie, zwei Hebammen aus Leidenschaft.
In Deutschland herrscht derzeit ein großer Mangel an Hebammen. Dieses Problem bekommen wir nahezu täglich in unserer Arbeit zu spüren. Viele Familien fühlen sich gerade in dieser besonderen Zeit mit ihren Fragen rund um die Schwangerschaft, das Wochenbett und ihrem Kind allein gelassen.
Daher haben wir uns entschieden, dir bei all deinen Problemen unterstützend mit unserem Blog zur Seite zu stehen, damit du alles nachlesen und loswerden kannst, was dich und dein Kind betrifft.
Viel Spaß beim Lesen!
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