Frühgeburt – ein ungelöstes Problem der Geburtshilfe

Ein Gastbeitrag von dem Reproduktionsmediziner PD Dr. Ruben Kuon –
Mitautor der Leitlinie „Prävention und Therapie der Frühgeburt“

Die Frühgeburt stellt bis heute eines der größten Probleme in der Geburtshilfe dar. Es wird geschätzt, dass weltweit 15 Millionen Babys jährlich zu früh zur Welt kommen. Etwa 8-9 % aller Schwangerschaften sind in Deutschland betroffen, so dass mehr als 60.000 Kinder in Deutschland als Frühchen geboren werden. Die Frühgeburtenrate ist damit im Vergleich zu anderen europäischen Ländern hoch. Die höchste Rate hat Zypern mit 10,4 %, die niedrigste Island mit 5,3 %. Der nachfolgende Artikel soll beschreiben, wie die Frühgeburt definiert ist, welche Risiken für betroffene Mütter und deren Kinder bestehen, Ursachen und Risikofaktoren darlegen und mögliche präventive Strategien, die zur Verhinderung der Frühgeburt beitragen, schildern.

Wie ist eine Frühgeburt definiert?

Die durchschnittliche Schwangerschaft dauert etwa 37-42 Schwangerschaftswochen (SSW). Eine Frühgeburt ist definiert als eine Entbindung vor der Vollendung von 37 SSW (also Geburt vor 37+0 SSW). Zudem werden eine extreme (< 28 SSW), sehr frühe (28 bis < 32 SSW) und moderate bis späte (32 bis < 37 SSW) Frühgeburt unterschieden (eine späte Frühgeburt wird manchmal auch als eine Geburt zwischen 34 bis < 37 SSW bezeichnet).

Welche Probleme gehen mit der Frühgeburt einher?

Frühgeborene Kinder haben ein erhöhtes Risiko für eine Vielzahl von gesundheitlichen Risiken und Krankheiten. Darüber hinaus ist sie auch ein wesentlicher Risikofaktor für die kindliche Sterblichkeit. Kinder, die vor der 28 SSW geboren werden, haben eine beinahe 300-mal so hohe Sterblichkeit als reif geborene Kinder (33,43 % gegenüber 0,13 %).

Insbesondere extrem frühgeborene Kinder sind hohen Risiken für die Entstehung langfristiger, schwerwiegender Behinderungen durch Gehirnschäden, Atemstörungen, Seh- und Hörverlusten und weiteren Entwicklungsverzögerungen ausgesetzt. Für betroffene Familien stellt eine Frühgeburt eine erhebliche psychosoziale Belastung dar.

Welche Ursachen sind für die Entstehung einer Frühgeburt bekannt?

Leider sind die Ursachen für eine Frühgeburt erst teilweise bekannt. Mehrere verschiedene Risikofaktoren werden für die Entstehung einer Frühgeburt genannt (dies wird als multifaktoriell bezeichnet). 

Die Länge des Gebärmutterhalses (sogenannte Zervixlänge) kann mittels Ultraschalles bestimmt werden. Ist der Gebärmutterhals zwischen 16-24 SSW verkürzt (meist als Länge ≤ 25 mm definiert), so gilt dies als starker unabhängiger Risikofaktor für eine Frühgeburt.

Als weitere Risikofaktoren für eine Frühgeburt werden der Zustand nach Frühgeburt (also wenn die vorangegangene Schwangerschaft bereits als Frühgeburt endete), vaginale Blutungen in der Spätschwangerschaft und eine Präeklampsie (eine Schwangerschaftskomplikation mit Auftreten von Bluthochdruck und Eiweiß im Urin der Schwangeren) genannt. Auch wenn der Abstand zwischen den Schwangerschaften kürzer als 12 Monate ist besteht ein erhöhtes Risiko für eine Frühgeburt. Zudem stellen unter anderen Zwillingsschwangerschaften, Rauchen (auch Passivrauchen!), ein Alter der Schwangeren unter 18 Jahren, lange Arbeitszeiten und schweres Heben, ein Zustand nach Konisation (eine OP am Gebärmutterhals bei bestimmten Auffälligkeiten des Abstrichbefundes im Rahmen der Krebsvorsorge), eine bakterielle Scheideninfektion und das Vorkommen von Bakterien im Urin Risikofaktoren für die Frühgeburt dar.

Die Risikofaktoren sollten spätestens mit Beginn der Schwangerenvorsorge sorgfältig erfasst werden, damit individuelle Risiken frühzeitig erkannt werden können. Nur so können präventive Strategien zur Verhinderung einer Frühgeburt wirksam sein.

Wie können Frühgeburten verhindert werden?

Zu den Risikofaktoren, die vermieden werden können, zählen das Rauchen oder auch schweres Heben. Besondere Bedeutung hat daher die Aufklärung idealerweise bereits mit Beginn des Kinderwunsches. Es kann nicht oft genug betont werden, wie bedeutsam das Beenden des Rauchens für die Gesundheit des Babys ist. 

Mehrere Studien weisen darauf hin, dass die Gabe von vaginalem Progesteron (Gelbkörperhormon, als vaginale Weichkapseln) bei Frauen mit Einlingsschwangerschaft und Verkürzung des Gebärmutterhalses (≤ 25 mm) vor 24+0 SSW zu einer Reduktion der Frühgeburtenrate und Senkung der kindlichen Krankheitsfälle und Sterblichkeit führt. Dieses Vorgehen ist möglicherweise auch bei Zwillingsschwangerschaften effektiv. Hierbei handelt es sich jeweils um einen sogenannten individuellen Heilversuch.

Bei Schwangeren mit einer Frühgeburt in einer vorangegangenen Schwangerschaft und zugleich Verkürzung der Gebärmutterhalslänge von ≤ 25mm vor 24 SSW kann auch durch die Anlage einer Cerclage (hierbei handelt es sich um einen operativen „Verschluss“ des Gebärmutterhalses) das Frühgeburtsrisiko gesenkt werden. Aktuelle Studien beschäftigen sich zudem mit der Anwendung von Pessaren (flexible vaginale Ringe, meist aus Silikon), der Gabe von mehrfach ungesättigten Fettsäuren und Aspirin zur Prävention der Frühgeburt. Für abschließende Aussagen müssen jedoch noch die Daten weiterer Studien abgewartet werden.

Weitere Informationen und Details sind in der Leitlinie „Prävention und Therapie der Frühgeburt der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe beschrieben (https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/015-025.html).

Eine Frühgeburt bedeutet eine große Herausforderung für das betreuende medizinische Personal aber auch für die betroffenen Familien. Die frühgeborenen Kinder sind in besonderem Maße vielfältigen Risiken ausgesetzt. Neben der Aufklärung über Risikofaktoren und deren Vermeidung sind weitere Forschungsbemühungen unerlässlich, um die Häufigkeit der Frühgeburt zu senken und den Kindern einen besseren Start ins Leben zu ermöglichen.

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