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Mehrwegwindel statt Wegwerfwindel – das Comeback der Stoffwindel

Ein Gastbeitrag von Rebecca Ziehe – Zertifizierte Stoffwindelberaterin

Die Anzahl der Eltern, die sich für das Wickeln mit Stoffwindeln entscheiden hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. Da eine benutzte Stoffwindel nicht weggeworfen wird, sondern durch einfaches Waschen wieder bereit für den nächsten Einsatz gemacht wird werden sie auch als Mehrwegwindeln bezeichnet. Eine klare Abgrenzung zu der weit verbreiteten Wegwerfwindel, die nur einmalig benutzt werden kann. 

Dieser Aspekt der Nachhaltigkeit von Mehrwegwindeln ist auch ein wesentlicher Grund warum sich viele Eltern für Stoffwindeln entscheiden. Weitere Argumente für das Wickeln mit Stoffwindeln sind die geringeren Kosten im Vergleich zu Wegwerfwindeln, die Möglichkeit selbst entscheiden zu können, welche Materialien mit der empfindlichen Babyhaut in Kontakt kommen oder aber ganz einfach der Aspekt, dass Stoffwindeln mit ihren bunten Mustern einfach hübsch und ein toller Hingucker sind. 

In den letzten Jahren ist der Stoffwindelmarkt stetig gewachsen und es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Herstellern für die unterschiedlichen Stoffwindelsysteme. Gleichwohl gibt es gerade aufgrund dieser großen Vielfalt für jedes Kind und jede Wickelsituation die passende Windel.

Das von Eltern gegründete Projekt www.deine-stoffwindel.com setzt sich nicht nur für einen Windelzuschuss zu Stoffwindeln ein, sondern liefert auch viele nützliche und fundierte Informationen rund um das Thema. 

Dein Warum für Mehrwegwindeln

  • Weniger Müll durch Mehrwegwindeln
    Bis zum Trockenwerden mit durchschnittliche drei Jahren verbrauchen Kinder in Deutschland etwa 5.000 bis 6.000 Wegwerfwindeln. Diese Menge an Wegwerfwindeln bedeutet, dass jedes Kind in diesem Zeitraum allein mit Windeln 1.000 kg Müll produziert. Laut Bundesumweltministerium werden 95% aller Kinder mit Wegwerfwindeln gewickelt, was bedeutet, dass wir für einen Geburtenjahrgang mit knapp 778.000 in Deutschland geborenen Kindern (Stand: 2019) knapp 740.0000 Tonnen Windelmüll produzieren. Das entspricht ca. 3,7 Milliarden weggeschmissenen Windeln pro Geburtenjahrgang. 
    Da es bis dato kein Verfahren zum weitreichenden Recycling von Wegwerfwindeln gibt muss der Windelmüll in der Müllverbrennungsanlage zusammen mit anderem Restmüll verbrannt werden. Aufgrund der Zusammensetzung der Wegwerfwindel (z.B. ist der Saugkern aus superabsorbierenden Brandschutzmitteln) verbrennt die Wegwerfwindel auch bei diesem Prozess nicht rückstandsfrei. Das, was bei jedem Brennvorgang von der Wegwerfwindel übrig bleibt, wird als giftiger Sondermüll entsorgt.
    Die Stoffwindel, als Mehrwegwindel, produziert demgegenüber praktisch keinen Müll. Sie kann bis zum Trockenwerden von einem Kind benutzt und im Anschluss auch noch an weitere Kinder weitergegeben und getragen werden. Selbst wenn Du die Energie- und Wasserressourcen, die für das Waschen der Stoffwindel benötigt werden berücksichtigst, so wirst Du zu dem Schluss kommen, dass dies immer noch die umweltfreundlichere Wickelalternative ist.
  • Weniger Kosten durch Mehrwegwindeln
    Für die Anschaffung der Stoffwindeln werden, je nachdem für welches Stoffwindelsystem und welchen Hersteller Du dich entscheidest, 350 € bis 800 € kalkuliert. Zusätzlich werden bis zum Trockenwerden pauschal etwa 150 € für das Waschen Windeln angesetzt. Für Wegwerfwindeln hingegen geben Eltern, je nach Marke, über die gesamte Wickelzeit pro Kind zwischen 700 € bis 1.500 € aus. Natürlich sind die Kosten zu Beginn der Wickelzeit bei Stoffwindeln somit höher als bei Wegwerfwindeln, da ein Komplettpaket zu Beginn und nicht nach und nach angeschafft wird. Dafür hast Du, einmal angeschafft, keine weiteren Kosten bis zum Trockenwerden des Kindes. Für eventuelle Geschwisterkinder fallen dann nur noch die Kosten für das Waschen und Trocknen an, da die Windeln ja schon vorhanden sind. Bei Wegwerfwindeln hingegen fallen die oben genannten Kosten bei weiteren Kindern erneut an. 
  • Weniger Chemie für die Babyhaut durch Mehrwegwindeln

Gegenüber Wegwerfwindeln sind Stoffwindeln frei von Chemikalien und Schadstoffen und durch ihre Beschaffenheit atmungsaktiv. Das ist gut für das Windelklima und führt dazu, dass ein wunder Po oder Hautreizungen und Rötungen im Windelbereich bei Stoffwindeln eher die Ausnahme sind. Bei Wegwerfwindeln hingegen entsteht dadurch, dass die Windel den Babypo luftdicht abschließt ein Wärmestau im Inneren der Windel und folglich ist es gegenüber Stoffwindeln bis zu 2°C wärmer. Die höhere Temperatur wiederum führt dazu, dass die Haut im Windelbereich aufweicht und die natürliche Schutzfunktion leichter angegriffen werden kann. Ohne diese Schutzfunktion ist die Haut anfälliger für die Einnistung von Keimen, Bakterien und Pilzen welche die Haut angreifen und schädigen können.

Vorteile schön und gut, aber ist das Wickeln mit Mehrwegwindeln nicht kompliziert und aufwändig?

An dieser Stelle ein klares Nein! Die moderne Stoffwindel hat nicht mehr mit den alten Bildern von Auskochen, kompliziertem Wickeln etc. zu tun. Vielmehr gleichen  moderne Stoffwindeln in der Handhabung Wegwerfwindeln. Und so geht`s: 

Saubere Windel bereitlegen und öffnen, Baby drauflegen, Windel schließen – fertig. Der größte Unterschied besteht darin, dass die Stoffwindel, als Mehrwegprodukt, nach der Nutzung nicht in den Müll geworfen, sondern bis zur nächsten Wäsche im Windeleimer/Wetbag gesammelt und gelagert wird. Darüber hinaus gilt es lediglich beim Anlegen darauf zu achten, dass die Stoffwindel nicht zu eng geschlossen wird und im Vergleich zur Wegwerfwindel die Beinbündchen nicht aus der Beinfalte herausgezogen, sondern in die Beinfalte geschoben werden.

Wie funktionieren Mehrwegwindeln?

Um ihrer Funktion, Flüssigkeit aufzusaugen und Nässe nicht nach Außen abzugeben, nachzukommen, besteht die moderne Stoffwindel aus den zwei Bestandteilen: Saugmaterial und Nässeschutz. 

Als Saugmaterial können viele verschiedene Materialien zum Einsatz kommen. Neben Naturfasern wie Baumwolle und Hanf gibt es auch synthetische Fasern wie Mikrofaser oder Bambusviskose. Jedes Material hat andere Eigenschaften. Hier hast Du die freie Entscheidung, was an die Haut deines Kindes kommt und was Du für das jeweilige Wickelintervall benötigt. Saugmaterial gibt es in der Form von:

  • Mullwindel: der Klassier. Können je nach Bedarf in unterschiedlichen Falttechniken ums Kind gewickelt oder in die Überhose gelegt werden.
  • Prefolds: vorgefertigte Einlagen, die in verschiedenen Schichten vernäht sind und unterschiedlich gefaltet in die Überhose gelegt werden 
  • Einlage / Booster: erhöhen die Saugkraft von Prefolds und Mullwindeln und werden daher zusätzlich verwendet

Abhängig vom gewählten Saugmaterial verändert sich sowohl die Saugkraft (wie viel Flüssigkeit kann aufgenommen und „festgehalten“ werden?) als auch die Sauggeschwindigkeit (wie viel Zeit wird gebraucht, um die Flüssigkeit aufzunehmen?) der Windel. Nachfolgend dazu eine Tabelle:

MaterialSaugkraftSauggeschwindigkeit
Hanf++o
Bambusviskose++
Mikrofasero++
Baumwolleo+(+)

++ = Sehr viel / sehr schnell; + = viel / schnell; o = mittelmäßig viel / mittelmäßig schnell

Beim Nässeschutz kannst Du zwischen dem natürlichen Material Wolle und dem synthetischen Material PUL wählen. PUL ist wasserabweisend und dennoch atmungsaktiv. Vergleichbar mit der Membran bei Outdoortextilien. Wolle hingegen erhält erst durch das Fetten mit dem natürlichen Wollfett Lanolin seine wasserabweisende Eigenschaft. Wolle hat darüber hinaus aber gegenüber PUL die Vorteile, dass sie temperaturausgleichend und selbstreinigend ist und ein Vielfaches ihres Eigengewichts an Nässe aufnehmen kann.

Geschlossen werden Mehrwegwindeln entweder mit Druckknöpfen (sog. Snaps), Klettverschluss, oder Bändern (bei Strickwindel). Es gibt auch Überhosen ohne Verschluss, die als Schlupfhosen bezeichnet werden.

Unterschiedliche Systeme von Mehrwegwindeln

Stoffwindeln werden in einteilige, zweiteile oder dreiteilige Systeme unterteilt. Die Zuordnung zu einem dieser Systeme ist davon abhängig wie die beiden Bestandteile Saugmaterial und Nässeschutz miteinander verbunden sind.

Das einteilige System hat zwei Vertreter:  All-In-One (AIO) und Pocketwindel. Bei der AlO sind Saugmaterial und Nässeschutz fest miteinander verbunden, wodurch die Windel in ihrem Aufbau und in der Handhabung einer Wegwerfwindel am Ähnlichsten ist. Aus diesem Grund wird die AIO auch gerne von Personen genutzt, die sonst nicht so versiert im Umgang mit Stoffwindeln sind, wie z.B. Babysitter oder das Kitapersonal. Demgegenüber sind bei der Pocketwindel die beiden Bestandteile nicht fest miteinander verbunden, sondern das Saugmaterial wird über eine Öffnung (Pocket) vorne und/oder hinten in der Windel platziert. Beide Vertreter des einteiligen Systems haben den Nachteil, dass sie nach der Nutzung komplett in die Wäsche müssen, wodurch viel Wäsche anfällt und viele Windeln erforderlich sind. Gegenüber der AIO bietet die Pocketwindel den Vorteil, dass sie durch die Trennung von Saugmaterial und Nässeschutz schneller trocknet oder aber das Saugmaterial sogar im Trocknet getrocknet werden kann. 

Beim zweiteiligen System, welches auch als All-In-Two (AI2) bezeichnet wird, sind Saugmaterial und Nässeschutz separat. Als Nässeschutz kommt die Überhose aus PUL oder Wolle zum Einsatz. Beim Saugmaterial kann das Material und die Form frei gewählt und individuell hinsichtlich der benötigten Saugkraft zusammengestellt werden. Eine Höschenwindel zählt auch zum Saugmaterial, da sie im Ganzen saugt und somit nicht ohne Nässeschutz verwendet werden kann. Klassisch wird das Saugmaterial in die Überhose gelegt und diese dann verschlossen. Eine besondere Form stellen hier sogenannte Snap-In-One (SIO) Windeln dar, bei denen das Saugmaterial in der Überhose mit Druckknöpfen befestigt wird wodurch die SIO in der Handhabung eher Richtung einteiliges System geht. 
Ein Vorteil des zweiteiligen Systems ist, dass es weniger Wäsche generiert, da nach der Nutzung nur das Saugmaterial in die Wäsche wandert. Die Überhose kann, so lange es keinen Stuhlkontakt gab, mehrfach im Wechsel mit anderen Überhosen verwendet werden. Nach dem Einsatz wird sie einfach bis zum nächsten Einsatz ausgelüftet. In der Anschaffung ist es im Vergleich das günstigste System.

Beim dreiteiligen System kommt als dritter Bestandteil noch eine dekorative Außenwindel ohne Nässeschutzfunktion hinzu. In diese Außenwindel wird der Nässeschutz in Form von einer Innenwindel geknöpft, welche wiederum mit dem passenden Saugmaterial gefüllt wird. Nach der Nutzung muss auch hier nur das Saugmaterial in die Wäsche wohingegen die Innenwindel, wie die Überhose beim zweiteiligen System, im Wechsel mit anderen Innenwindeln mehrfach verwendet werden kann. Normalerweise kommt die dekorative Außenwindel nicht mit Ausscheidungen in Berührung und muss daher nur selten gewaschen werden. Aufgrund dieses Aufbaus generiert das dreiteilige System noch weniger Wäsche. Es bietet allerdings auch nicht so viel Flexibilität hinsichtlich der Wahl des Saugmaterials und somit der Saugkraft wie das zweiteilige System.

Wenn du noch mehr über Stoffwindeln wissen möchtest, dann schau doch mal hier: https://deine-stoffwindel.com/wie-funktionieren-stoffwindeln/

Mehrwegwindeln auch beim Besuch im Schwimmbad

Bekannt sind Stoffwindeln vermutlich besonders bei Eltern, die sonst nicht mit Stoff wickeln durch waschbare Schwimmwindeln. Denn auch beim Thema Schwimmwindeln gibt es eine nachhaltige Alternative zu den Wegwerfschwimmwindeln: die Schwimmwindel aus Stoff. Sie wird wie die moderne Stoffwindel nach der Nutzung gewaschen, getrocknet und ist dann wieder bereit für den nächsten Einsatz. Jede Schwimmwindel, egal ob zum Wegwerfen oder zum Waschen, soll grundsätzlich verhindern, dass Stuhlgang ins Wasser gelangt. Je nach Modell wird die wiederverwendbare Stoff-Schwimmwindel wie eine klassische Badehose angezogen oder aber wie eine Stoffwindel mit Klett oder Snaps geschlossen. Wenn du mehr über Stoff-Schwimmwindeln lesen möchtest dann schaue doch mal hier https://deine-stoffwindel.com/schwimmwindeln/

Finanzspritze für die Nutzung von Mehrwegwindeln

Es gibt bereits einige Städte und Landkreise in Deutschland, die das Wickeln mit Stoffwindeln finanziell unterstützten. Eine solche Förderung für nachhaltiges Wickeln ist nur fair, denn vielerorts wird auch der Windelmüll durch Wegwerfwindeln, z.B. durch Bereitstellung von kostenlosen Windelmüllsacken, bezuschusst. Mit dem sogenannten Windelzuschuss bekommen die Eltern einen gewissen Betrag für ihre Stoffwindelausstattung erstattet. Die Höhe des Betrages legt jede Stadt individuell fest.

Informationen darüber, ob deine Stadt bereits einen solchen Zuschuss gewährt und wenn ja wie hoch dieser ist erfährst du auf der Seite www.deine-stoffwindel.com von Oliver und Katharina aus Berlin bei ihrem Projekt Windelzuschuss. Die beiden setzten sich mit ihrem Projekt dafür ein, dass das Wickeln mit Stoffwindeln noch mehr Aufmerksamkeit bekommt und die Stoffwindel wieder Einzug in mehr deutsche Haushalte findet. Darüber hinaus bieten sie interessierten Eltern Unterstützung bei der Einführung eines Windelzuschusses in ihrer Stadt oder Landkreis an. Ebenso findest du auf ihrer Seite weitreichende Informationen zum Thema Stoffwindel im Allgemeinen und über den Alltag mit Stoffwindeln.

Mehr Informationen zum Thema “Wickeln” findest du hier.

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